Für die Mülltonne gekauft : Geplanter Verschleiß als organisierter Betrug ?

Interview mit Maik Fürstenberg  Founder  der portatronics Inc. USA

Maik Fürstenberg

Ob Drucker, Mobiltelefon oder Fernseher – bereits kurz nach Ablauf der Garantie sind viele Geräte reif für  die Mülltonne. Eine Reparatur lohnt sich nicht  mehr oder ist gar nicht erst möglich, da die Konstruktion es verhindert. Kalkuliert sorgen die Hersteller dafür, dass ihre Produkte frühzeitig kaputtgehen, damit wir Verbraucher mehr konsumieren. Sinnlose Müllberge und ein enormer Ressourcenverbrauch sind die Folge.

Herr Fürstenberg, das Thema „Geplante Obsoleszenz“ kommt immer wieder einmal durch die Medien, dennoch wissen wir viel zu wenig .  Um was geht es bei  diesen Fachbegriff „Obsoleszenz“?

Es geht darum, dass Hersteller verdeckt die reguläre Haltbarkeit von Produkten verkürzen, so dass Kunden zumeist vorzeitig  Produkte nachkaufen müssen. Das ist ein sehr lukratives Vorgehen und  eine verdeckte Produktverschlechterung.  Seit 100 Jahren  werden Techniken  in diesem Bereich erforscht und verfeinert.

Wenn wir Kunden ein Produkt kaufen, erwerben wir im Normalfall die Nutzung des Artikel für eine bestimmte Zeit, vergleichbar mit einem Leasing. Wenn es dem Hersteller gelingt, die Haltbarkeit des Produktes zu verkürzen, ohne das aufgrund der geringeren Qualität der Anschaffungspreis sinkt, steigt der Preis pro Nutzung. So eine verdeckte Preiserhöhung hat für den Hersteller den großen Vorteil, dass wir Kunden sie normalerweise nicht so leicht erkennen.

 um es einfacher auszudrücken, werden wir an dieser Stelle um die Qualität des Produktes betrogen?

Vermeintlich betrogen, mittels eines  „noch“ ganz legalen Betrugssystems.  Es ist seit langem geläufig bekannt das wir seit 90 Jahren  in der Qualität absichtlich verschlechterte Glühbirnen  erwerben müssen  und werden seit Generationen mit schlechter Qualität übervorteilt. 1926 beschlossen alle namenhaften Glühbirnenhersteller in einem internationalen Kartell namens „Phoebus-Kartell“ in Genf, die Lebensdauer der Glühbirnen ungefähr zu halbieren (1000 Stunden). Das hat über ein internes  Bestrafungssystem auch perfekt funktioniert und funktioniert auch heute noch. Die Vorgehensweise dazu kann man in den Akten  und im Internet nachlesen, das ist ganz offen bewiesen. Dieses System wird auf ganz vielen Gebieten bis heute angewandt.

In einer Feuerwache im kalifornischen Ort Livermore hängt eine Birne: Die sogenannte „Centennial Bulb“, die Jahrhundertbirne. Seit 1901 brennt sie durchgehend. Per Webcam kam man live verfolgen, ob das immer noch so ist. Die moderne Technik ist der Birne jedenfalls nicht gewachsen. Die erste Web-Kamera hielt gerade einmal drei Jahre, die zweite musste auch schon ausgetauscht werden…

Früher hat man ganz anders darüber gesprochen. Zum Beispiel sagte ein führender Manager des großen US-Autobauers General Motors in den 20er Jahren: „Our big job is to hasten obsolescence“, unsere große Aufgabe ist die Verkürzung der Lebensdauer. Und bei General Electric hieß es in den 30er Jahren zur heimlichen Reduzierung der Produktlebensdauer etwa: „We are giving no publicity whatever to the fact“. Na logisch, wer wirbt schon mit: „Neu, unser neuestes Produkt hält jetzt kürzer!“ ?

Klare Strategie: Sie tun es reden aber nicht darüber, das würde den Umsatz einbrechen lassen. Einer der führenden US-Entwicklungsingenieure, Brooks Stevens, sagte schon 1958: „Our whole economy is based on planned obsolescence“. Das System ist also alt, etabliert und funktioniert bis heute einwandfrei.

Ist der Kunde denn so einfach für dumm zu verkaufen?  Er könnte doch das Konkurrenzprodukt kaufen.

Am besten ist es natürlich, wenn wir als Kunden nichts merken und  auch wenn alle Hersteller mitziehen, denn dann besteht auch keine Vergleichsmöglichkeit bezüglich besserer oder schlechterer Qualität bei den Mitbewerbern.

Zum Beispiel:  wenn der nächste Kauf  eines Smartphone ansteht.
Stellen wir uns vor das folgende Merkmale zu denen auf der Verpackung
aufgedruckten Systemeigenschaften zu lesen sind

  1. Wie lange halte ich?
  2. Kann man mich reparieren (bin ich verklebt oder verschraubt)?
  3. Gibt es für mich nach 3 Jahren noch Ersatzteile?
  4. Was kosten meine Ersatzteile?
  5. Was kostet meine Reparatur in 3 Jahren?

dann wissen wir endlich, was 1 Stunde  Smartphone Benutzung tatsächlich kosten wird – wie hoch die „Total Costs of Ownership“ sind  wie wir es  hier  ausdrücken. Jetzt wo wir den Preis pro Nutzung kennen, können wir überhaupt vernünftig entscheiden und ggf. zur  (so genannten) Konkurrenz abwandern. Wir wissen es aber nicht… vom Konkurrenten wissen wir  es auch nicht…   kein Hersteller schreibt sowas auf seine Verpackungen. Wenn so viel Nebel erzeugt wird bleiben die  Strategien und Preiserhöhung  verdeckt.

 können Sie das was Sie hier von sich geben auch belegen, gibt es einen Nachweis dafür?

Na, nichts leichter als das. Heutzutage ist fast in jedem Smartphone ein Lithium Ionen Akku verbaut. Dieser ist geläufig bekannt dafür, dass er im Gegensatz zu NiMH Akkus keinen Memory-Effekt  mehr hat… dennoch befindet sich zur Steuerung der einzelnen Ladevorgänge ein Chip  im Akku  der  nach ziemlich genau zwei Jahren  sozusagen an “  Alzheimer“ leidet …  er vergisst dann (so programmiert)  in welchen Ladezustand sich der Akku befindet. Man braucht nur den Chip neu zu programmieren, schon  hat der Akku wieder die volle Kapazität. Zufall?   Dieses Phänomen ist auch bei Laser/Tintendrucker bekannt in dem  ein Chip auf den  Kartuschen/Patronen zurückgesetzt werden kann…. obwohl der Drucker anzeigt das die Patronen ausgetauscht werden müssten, können noch bis zu 5000 weitere Seiten gedruckt werden…
In dieser Richtung gibt es mannigfaltige Beispiele. Selbst der in der Automobil Industrie aufstrebender Hersteller für Elektroautos “ Tesla“  gibt an, einen einzigen Akkutypen  für alle Fahrzeuge ( wie angegeben  aus Kostengründen)  zu produzieren der dann über die Internetverbindung des Autos zum Hersteller in verschiedenen Kapazitäten freigeschaltet werden kann. D.h. jedes Fahrzeug hat den besten Akku verbaut, kann diesen allerdings nicht nutzen, da ein kostenpflichtiges Upgrade von mehreren tausend Euro  nötig ist..  So kann durch Umprogrammierung von Geräten die Funktion der Geräte  dank entsprechenden Wissen wiederhergestellt oder erweitert werden  ohne dass ein Techniker Hand anlegen müsste.  Selbstverständlich  wird dieses Wissen darüber vom Hersteller geheim gehalten.
Hinzukommt, dass der Akku von vielen Geräten als nicht austauschbar gilt, d.h.  das durch Kleber verhindert wird, dass dieser leicht auszutauschen ist. So ist es nur versierten Reparaturwerkstätten oder dem Hersteller möglich dieses  Verschleißteil auszutauschen.

gibt es Verbraucherschutzorganisationen in den USA, die  die Hersteller auch auf diese Verhaltensweisen überprüfen und den Verbraucher vorwarnen?

bisher ist mir keine Verbraucherschutzorganisation wie beispielsweise Center for Digital Democracy (CDD)
bekannt, die sich diesem heiklen Thema genähert hat.  Da diese nicht offiziell belegt sind, handelt es sich im Auge dieser Verbraucherschützer eher um Verschwörungstheorien… die Frage ist eben, wer dann den Nachweis erbringen soll, wenn selbst die Verbraucherschützer dieses heiße Eisen nicht anfassen wollen.
Das Problem ist: Die Absicht kann man dem Hersteller nie nachweisen, nur die Ergebnisse ihres Tuns. Sie behaupten natürlich stets, wenn es einmal zum Thema kommt, dass alles eben keine Absicht sei; das müssen sie auch, denn sonst würden sie zur Rechenschaft gezogen.

Zu der  „Geplanten Obsoleszenz“ kommt noch die „Geplante Inkompatibilität“
In seinem Buch „Die Kultur der Reparatur“ beschreibt  der Chef des Deutschen Museums,  Wolfgang Heckl  (…)Geplante Inkompatibilität heißt, dass nachfolgende Produktgenerationen nicht mit den vorherigen zusammenpassen, dass zum Beispiel die Bauteile der neuen Produkte nicht zum Reparieren der alten verwendet werden können(…) – mit Absicht laut Heckel.

 Was raten Sie dem Verbraucher und Kunden von heute?

  1. Bei einem Kauf eines neuen elektronischen Gerätes, sollte man sich fragen, ob man es wirklich benötigt.
  2.  Sollte das Gerät „Verschleiß bedingt“ erneuert werden müssen, ist die Frage ob ein neues Gerät angeschafft werden sollte. Die Hersteller werben oft mit neuen Feature´s  wir als Kunden fallen auch oft darauf rein, denn neuer ist nicht immer besser, teilweise  sind Geräte funktional verschlimbessert oder  sogar abgespeckt.
  3.  Nicht nur auf den Preis schauen, weniger „Geiz ist geil“-Mentalität.
  4. Sich auf Internet-Portalen und in Fachzeitschriften informieren.

Bisher gibt es leider nur wenige Informationen darüber, wie viel Nutzen gegengerechnet zu den Kosten  die einzelnen Geräte  in sich tragen.

Im Durchschnitt hat jeder von uns ca.10.000  verschiedene  Dinge in seinem Haushalt und kann sicherlich auf vieles unnötige verzichten “ weniger ist mehr…“

Ich bedanke mich für das Gespräch.

Maik Fürstenberg, Jahrgang 1975, studierte  Sprachen Wirtschaft und Kulturraum  in Passau, nach seiner Doktorarbeit gründete er in New York mehrere Reparaturfachbetriebe für Smartphone, MP3 Player, Navigationssysteme  3-D Drucker  Computer und mehr.. Nach 14 Jahren  Tätigkeit in diesem Bereich gilt er in einschlägigen Kreisen  in New York als  Insider.

Bücher zum Thema:

 Kaufen für die Müllhalde

Die Kultur der Reparatur

Geplanter Verschleiß

 

Written by Restaurator

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.